1933-45
Im Januar 1933 gelangten die Nationalsozialisten unter dem "Führer" Adolf Hitler
an die Regierungsmacht in Deutschland. Kurz darauf wurden die Gewerkschaften
aufgelöst und ihr Vermögen der neugegründeten NS-Organisation "Deutsche Arbeitsfront"
(DAF) einverleibt, unter Leitung des Hitler-Vertrauten Dr. Robert Ley. An Stelle von Tarifvereinbarungen
trat ein Lohndiktat. Es bestand praktisch für alle Arbeiter und Angestellten
der Zwang, der Arbeitsfront beizutreten.
Zu den zentralen Machtmitteln, auf die sich das NS-Regime stützte, gehörten
Terror und Propaganda. In den "besten Jahren" der NS-Zeit, bis etwa 1938, hatte
es die Propaganda leicht. Denn Hitler hatte in den Augen der meisten Deutschen
Erfolge: Die Umkehr der Massenarbeitslosigkeit in Vollbeschäftigung (um den
Preis einer abgeschotteten Binnenwirtschaft auf Schulden) und die Wiederherstellung
einer außenpolitischen Machtstellung Deutschlands (durch mehrfachen Bruch
völkerrechtlicher Verträge).
Im November 1938 gründete Ley die Freizeitorganisation "Kraft durch Freude"
("KdF"). Die Kontrolle der Menschen am Arbeitsplatz schien der NS-Führung nicht
auszureichen, fortan sollten sie auch ihre Freizeit in NS-kontrollierten Gruppen
verbringen.Die Arbeitenden sollten durch Neuerungen bezahlten
Urlaubs und billiger Ferienreisen für das NS-Regime gewonnen werden.
Das Volk sollte für eine längere Lebensarbeitszeit und geplante Eroberungskriege "fit"
gemacht werden:
"Wenn es uns gelingt, ... jeden Deutschen jedes Jahr einmal zu "überholen",
dann behaupte ich, daß der Bruch der Leistungsfähigkeit des schaffenden Menschen
nicht mehr bei 40 Jahren, sondern bei 70 Jahren liegen wird." (Ley im Juli 1935).
"Alles das, was wir tun, dieses Kraft durch Freude, alles, alles, alles dient
nur dem einen, unser Volk stark zu machen, damit wir diese brennenste Frage,
daß wir zu wenig Land haben, lösen können. Wir fahren nicht in die Welt
hinaus zum Spaße, ich habe nicht einen Reiseverein gegründet, das lehne ich
ab (...) nein, damit sie Nerven bekommen, damit sie Kraft haben, daß, wenn der
Führer einmal diese letzt Frage lösen wird, dann 80 Millionen in höchster Kraft
hintreten vor ihn." (Ley auf einem KdF-Schiff im Sommer 1938).
Im Juni 1933 hatten die Vorbereitungen für den Bau der "Reichsautobahnen" begonnen.
Es gab allerdings weitverbreitete Kritik: Die teure Autobahn würde nur den "oberen
Zehntausend" zugute kommen, die ein Auto besitzen. Diese Kritik sollte aufgefangen
werden durch das Projekt eines Kraftwagens, der für jedermann erschwinglich
sein sollte. Im Frühjahr 1937 erteilte Hitler dem "Arbeitsfront"- Führer Ley
den Auftrag, einen solchen "KdF-Wagem", später "Volkswagen", zu entwickeln und
das Produktionswerk dafür zu bauen.
Die Hauptaktivität von "Kraft durch Freude" waren indessen organisierte Ferienreisen.
Im Februar 1934 starteten die ersten "KdF"-Sonderzüge in deutsche Feriengebiete.
"KdF" machte aber auch erstmals Auslandsreisen für den Normalbürger erschwinglich,
überwiegend als Seereisen. Die Ziele der Gruppenreisen - mit allenfalls kurzen
Landgängen - lagen zwischen Norwegen und Afrika.
In den Jahren 1934 bis 1939 nahmen 7 Millionen Menschen an "KdF"-Reisen teil,
davon ein Zehntel an Seereisen. "KdF" war damals der größte Reiseveranstalter
Deutschlands.
Die Paradestücke der "KdF"-Propaganda waren die Hochseereisen, zunächst mit
gecharterten Schiffen, bald mit gebraucht gekauften eigenen Kreuzfahrtschiffen,
ab 1937 dazu mit zwei hochmodernen Neubauten von "KdF"-Kreuzfahrtschiffen, der
"Wilhelm Gustloff" (1937) und der "Robert Ley" (1938).
Im Juli 1935 gab die NS-Organisation "KdF" bekannt: Fünf Seebäder bislang beispielloser
Größe sollten an den deutschen Küsten gebaut werden. Das erste - und letzlich
einzige - sollte auf der Insel Rügen entstehen, in der Mitte der weiten Ostseebucht
zwischen Binz und Sassnitz. Die Planung stand unter klaren Zweckvorgaben. "KdF"-Chef
Ley:
"Die Idee des Seebades ist vom Führer selbst. Er sagte mir eines Tages, daß
man nach seiner Meinung ein Riesenseebad bauen müsse, das Gewaltigste und Größte
von allem bisher Dagewesenen ... Es ist der Wunsch des Führers, daß in der Mitte
ein großes Festhaus entsteht ... Der Führer gab gleichzeitig an, daß das Bad
20.000 Betten haben müsse. Alles soll so eingerichtet sein, daß man das Ganze
im Falle eines Krieges auch als Lazarett verwenden kann."
Die Planung des "KdF"-Seebades auf Rügen lag in den Händen des Kölner Architekten
Clemens Klotz (1886-1969), eines Vertrauten des "KdF"-Chefs Ley. Klotz, seit
etwa 1930 der NSDAP nahestehend, hatte bereits den NS-"Ordensburgen" Vogelsang
in der Eifel und Crössinsee in Westpreußen gebaut. Seine Planungen des "KdF"-Seebades
wurden modifiziert durch die persönliche Auflage Hitlers, als Festhalle für
20.000 Personen den monumentaleren Entwurf des Architekten Erich Putlitz zu
übernehmen.
Dieser Gesamtentwurf wurde auf der Weltausstellung in Paris 1937 mit dem Grand
Prix ausgezeichnet. Er sah einen Gebäudekomplex von 4,5 Kilometern Länge vor,
dem leichten Bogen des Strandverlaufs angepaßt. Die Urlauber sollten in acht
baugleichen, je einen halben Kilometer langen Bettenhäusern wohnen. In der Mitte
der Anlage waren u.a. ein Wellenbad und eine Kaianlage mit zwei Seebrücken für
das Anlegen von Hochseeschiffen geplant. Den Betrieb sollten 2.000 Angestellte
und Dienstverpflichtete sicherstellen, die in kleineren Bauten auf dem Gelände
untergebracht werden sollten. Die Anlage sollte die Infrastruktur einer kompletten
Stadt erhalten: Kraftwerk, Wasserwerk, Krankenhaus, Schule, Parkhäuser.
Es handelt sich um einen für die damalige Zeit neuartigen Großbau im Baukastenstil.
Die langen Gebäude bestehen aus einzelnen Betonsegmenten. Die Bettenhäuser und
die Liegehallen sind im Betonskelettbau mit gegossenen Decken errichtet. Die
zahlreichen Durchführungen für Leitungsverbindungen wurden bereits beim Betonguß
präzise ausgespart. Tragende Innenwände gibt es nicht. Die Dachkonstruktion
besteht aus dünnen Betonschalen mit einem Hohlraum. Trotz ihrer Leichtigkeit
besitzt diese Konstruktion eine hohe Festigkeit, wie die noch vorhandenen Ruinenreste
über 50 Jahre nach ihrer Sprengung eindrucksvoll zeigen.
Alle 10.00 Zimmer sind zum Meer ausgerichtet. Aber als Zweibettzimmer mit nur
5 mal 2,5 Metern sind diese Räume zu beengt für einen längeren angenehmen Aufenthalt.
Die einheitliche Ausstattung der Zimmer: Zwei Betten, Sitzecke, Schrank, Handwaschbecken.
Die Toiletten und Waschräume befinden sich in den Treppenhäusern.
Für heutige Ansprüche ist dies ein dürftiger Standard - und war schon damals ein deutlicher und gewollter Kontrast zum Luxus traditioneller Seebäderhotels. "Kraft durch Freude" sollte den Strandurlaub für jedermann erschwinglich machen.
Am 2. Mai 1936, auf den Tag drei Jahre nach Auflösung der Gewerkschaften, wurde in Prora der Grundstein gelegt, dessen Lage heute nicht mehr bekannt ist. Im April 1938 waren die Vorarbeiten abgeschlossen, der Hochbau begann. Die ersten Fundamente der Stahlbetonbauten wurden gegossen. Neun Großfirmen bauten im zeitlichen Wettbebwerb je eines der 500 Meter langen Bettenhäuser sowie die Kaianlage. Das heißt: Die Anlage wurde in ihrer gesamten Länge gleichzeitig hochgezogen.
Erdarbeiten, Transporte, Schalungs- und Betonarbeiten wurden fast ausschließlich durch Muskelkraft ausgeführt. Lediglich eine der Baufirmen verwendete einen damals neuartigen Turmdrehkran. Mehr als 2.000 Arbeitskräfte waren mit dem Bau beschäftigt.
Der Antransport der gewaltigen Materialmengen erfolgte per Schiff und - als Neuerung für Rügen - per Straße und Schiene: Im Oktober 1936 war der Rügendamm fertiggestellt und dem Verkehr übergeben worden, das Ergebnis einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, 1.000 Arbeitskräfte über drei Jahre. Im Winter 1937/38 entstand die Bahnstrecke Lietzow-Binz mit den Bahnhöfen Prora und Binz. Im Oktober 1938 fand das Richtfest des ersten der acht Bettenhäuser statt.
1943/44 wurden die Gebäudeteile für die Aufnahme ausgebombter Familien aus Hamburg notdürftig fertiggestellt. Noch im Jahr 1945 schrieb der "KdF"-Chef Robert Ley, das deutsche Volk habe "dem Schicksal den Sieg abgetrotzt, und keine Macht der Erde wird ihn uns nunmehr entreißen können." Im Mai 1945 endete der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Ley wurde von den US-Truppen aufgespürt, in den Nürnberger Prozessen angeklagt und nahm sich in seiner Zelle das Leben.
Textquelle: Museum Prora