
Leseprobe aus dem Historischen Putbus-Museum
Zeitgeist
1760
Die Allmacht des Königs ist von Gott verliehen, denn Staat und Kirche sind eng beisammen. Die Religion des Königs ist auch für seine Untertanen bindend.
Es ist das natürliche Recht des Königs, sich ein Heer aufzubauen, Krieg zu führen und dabei mit Methoden seiner Wahl und auch wortbrüchig vorzugehen.
Wie dem Adelsstand, so ist auch den Untertanen durch göttliche Ordnung ihr unverrückbarer Platz in der Gesellschaft zugeteilt. Die meisten Untertanen sind Eigentum des Landbesitzers, sie sind Leibeigene, die Gehorsam und Unterwerfung schulden. Jeder Untertan hat hart zu arbeiten, um dem Landeigentümer zu dienen und den Lebensunterhalt seiner Angehörigen zu sichern. Deshalb ist Kinderarbeit selbstverständlich.
Leibeigene dürfen verkauft werden, z.B. als Soldaten an andere Könige oder Fürsten.
Unter Androhung irdischer und himmlischer Strafen sind die kirchlichen Gebote und Verbote strikt einzuhalten. Es gilt für einen Christen als unmoralisch, für verliehenes Geld Zinsen zu nehmen.
Alle Nahrung und Energie stammt aus regionaler Landwirtschaft. Bildung und Information steht den Untertanen ebensowenig zu wie medizinische Versorgung (die auf dem damaligen Kenntnisstand ohnehin wenig leistungsfähig war).
Die Untertanen eines Herrschaftsbereiches sprechen nicht immer dieselbe Sprache, wie zum Beispiel in Preußen mit den Sprachen Deutsch und Polnisch. So ist ein „Wir-Gefühl“, eine nationale Identifikation der Menschen im Sinne der heutigen Staaten unbekannt.
1810
Die französische Revolution hat ein verändertes, „aufgeklärtes“ Denken hervorgebracht. Auch die Diktatur Napoleons, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, kann das neue Grundgefühl nicht wieder zurückdrängen: Jeder Mensch ist frei und vor dem Gesetz gleich.
Zugleich werden von jedermann Grundtugenden gefordert: Sparsamkeit, Aufrichtigkeit und Pflichtbewusstsein. Dies gilt auch und besonders für Staatsdiener.
Den Platz des Einzelnen in der Gesellschaft bestimmt sich nicht mehr nach seiner Abstammung, sondern nach seinen individuellen Fähigkeiten und Leistungen. Zielvorstellung ist die Demokratie, wie sie in den Vereinigten Staaten von Amerika kurz zuvor - 1776 - Wirklichkeit geworden ist. Dabei sind Staat und Kirche strikt zu trennen.
Im Widerstand gegen die napoleonische Fremdherrschaft ertönt aus dem Volk im deutschsprachigen Raum, ähnlich wie auch in anderen europäischen Ländern, der Ruf nach einem geeinten und selbstbestimmten Vaterland.
Wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen - etwa die Dampfmaschine und der automatische Webstuhl - haben eine industrielle Revolution eingeleitet. Den Energiebedarf der Industrie deckt die aus dem Bergbau reichlich vorhandene Kohle. Aus den überseeischen Kolonien fließen immense Werte nach Europa.
Dies alles verhilft einem neuen Stand, dem Bürgertum, zu Reichtum und Unabhängigkeit. Mit seinem Aufblühen gedeihen Literatur, Schauspiel und Musik. Die Architektur entdeckt Vorbilder sowohl in der griechischen und römischen Antike als auch im Mittelalter. Neue Pflanzenarten, darunter die ein halbes Jahrhundert zuvor aus Amerika eingeführte Kartoffel, verbessern die Nahrungsversorgung.
Die Lebenserwartung liegt bei 35 Jahren. 90% der Menschen leben auf dem Land.
1860
Mehr und mehr Menschen im deutschsprachigen Raum setzen ihre Hoffung auf ein geeintes „Deutsches Vaterland“, als Demokratie, mit Grundrechten des Einzelnen zum Schutz gegen herrschaftliche Willkür.
Die einstigen Leibeigenen in den Landregionen sind jetzt freie Menschen, aber als Tagelöhner sehen sie sich in eher schlechterer wirtschaftlicher Lage als vorher. Die Armut auf dem Land und das Aufwachsen von Großindustrien hat zur Landflucht und zu explosionsartigem Wachstum der Städte geführt. Dort lebt ein Proletariat von Industriearbeitern unter elenden Bedingungen, im Kontrast zum immensen Reichtum der Fabrikbesitzer, Großhändler und Bankiers.
Dennoch: Fortschritte der Medizin und der Hygiene haben die Kindersterblichkeit vermindert und die Lebenserwartung auf etwa 40 Jahre verlängert. Die Einführung wissenschaftlicher Methoden in der Landwirtschaft, darunter die künstliche Düngung, hat die Nahrungsversorgung verbessert.
Billige Druckerzeugnisse machen in den Städten aktuelle Information für jedermann zugänglich. Weithin gefordert: Die Presse muss frei sein, ohne Zensur.
1910
Das geeinte Deutsche Reich ist Wirklichkeit geworden, allerdings ohne Österreich und nicht als Republik, sondern als Kaiserreich. Indessen ist das Deutsche Reich eine weltweit respektierte, militärisch starke Großmacht, seit 1884 sogar mit überseeischen Kolonien.
Die deutsche Wirtschaft erlebt einen Aufschwung wie nie zuvor. Deutsche Produkte sind im Ausland geschätzt und begehrt. Zahllose neue Bauwerke im imperialen Stil künden vom Ruhm und Selbstbewusstsein der neuen Zeit. In ihrer Architektur greifen sie eine tausend Jahre zurückliegende deutsche Reichsgeschichte auf, das Reich Karls des Großen.
Die moderne Technik hat den Alltag verändert: Die Eisenbahn lässt die Entfernungen schrumpfen, Gaslampen und elektrische Lampen machen die Nacht zum Tage, Kraftwagen ersetzen Pferdewagen, Funkverbindungen übertragen Nachrichten ohne Zeitverzug. Diese Nachrichten verbreiten sich überallhin durch Zeitungen, die teilweise mehrfach täglich erscheinen. Versorgungsnetze für Wasser, Gas und Strom machen das Leben in den Städten sicher und komfortabel. Der technische Fortschritt verheißt ein goldenes Zeitalter.
Die Stellung der Industriearbeiter ist durch Sozialgesetze verbessert. Die gesetzliche Krankenversicherung (1883) ermöglicht den Arbeitern erstmals eine medizinische Versorgung. Die gesetzliche Rentenversicherung (1891) verspricht den Arbeitnehmern einen Lebensabend ohne materielle Not (sofern sie das damalige Rentenalter von 70 Jahren erreichen und mit 40% ihres letzten Lohnes auskommen). Die Mehrheit der Bürger des Deutschen Reiches fühlt sich als Teil dieser Leistungen und verspürt einen Nationalstolz. Die Lebenserwartung liegt bei 46 Jahren.
1960
Nach der historischen Schuld der NS-Verbrechen, den Verwüstungen des Krieges, den Vertreibungen aus den Ostgebieten, der Teilung des Landes und der neuen Diktatur in der sowjetischen Besatzungszone, die sich DDR nannte: „Deutsch“ hat keinen guten Klang. Der Nationalstaat gilt als überholt, durch die Perspektive eines vereinten Europa und der Einbindung des westdeutschen Teilstaates in internationale Organisationen, sei es NATO, UNO oder westeuropäische Gemeinschaft. Mit der neuen, stabilen Demokratie in der Bundesrepublik ist eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit nicht vorstellbar.
Der moderne, großzügige Wiederaufbau der zerbombten Städte hilft, die dunkle Geschichte zu überwinden. Dabei wird vielfach die Wiederherstellung beschädigter historischer Gebäude als nicht lohnend angesehen, sind sie doch meist nur Zeugnisse eines vergangenen Militarismus.
Die westdeutsche Wirtschaft floriert und benötigt zunehmend Gastarbeiter aus dem Ausland. Der Lebensstandard in der Bundesrepublik steigt laufend. Jährliche Urlaubsreisen, mehrwöchig, auch ins Ausland, werden Standard für jedermann, ebenso wie das eigene Auto. Die soziale Marktwirtschaft gilt als eines der besten und gerechtesten Wirtschaftssysteme der Welt.
Allerdings führen die bedrückenden Flüchtlingsströme aus der DDR täglich vor Augen, was die Mehrheit in der Bundesrepublik als die Hauptgefahr empfindet: Eine Bedrohung durch die sowjetische Militärmacht und Diktatur.
Doch sind die ehemaligen westlichen Kriegsgegner Freunde geworden, NATO-Verbündete, und deren Truppen werden als Schutz der Bundesrepublik im Land akzeptiert oder sogar willkommen geheißen.
Als entscheidende Garantie für die Sicherheit der Bundesrepublik wird der Atomschirm der USA gesehen. Die friedliche Nutzung der Atomenergie verheißt Wohlstand für die Zukunft.
Mit dem Fernsehen gelangen Nachrichten aus aller Welt binnen Sekunden in Bild und Ton in die Wohnzimmer.
2010
Westdeutsche beklagen die finanzielle Belastung durch den Aufbau Ost. Einstige DDR-Bürger beklagen westdeutsche Vorherrschaft und einen als menschenverachtend empfundenen Kapitalismus.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. In neuen wie alten Bundesländern gleichermaßen halten viele Menschen die Demokratie für unfähig, die angestauten sozialen Probleme zu lösen, an erster Stelle die Arbeitslosigkeit. Viele glauben nicht mehr, mit dem Wahlzettel noch politischen Einfluss nehmen zu können. Die Parteien bieten kaum inhaltliche Programme. Das verbreitete Bild des Politikers – egal aus welcher Partei – ist der inkompetente, verlogene, korrupte Selbstdarsteller, verfilzt mit Wirtschaftsinteressen.
Mit Sorge wird wahrgenommen: Die Abgabenbelastung der Bürger steigt von Jahr zu Jahr, zunehmend zur Deckung der Zinsen für die ausufernden Staatsschulden und zur Subven-tionierung von Großunternehmen, voran Banken. Zugleich erleben die Bürger einen laufenden Rückgang der Leistungen des Staates, sei es bei der Bildung, dem Gesundheitswesen oder der Altersversorgung.
Reglementierungen der Europäischen Union wirken sich im Alltag der Menschen aus und erzeugen Ängste vor sozialem Abstieg. Mangelnde Transparenz, Machtanmaßung, Bürokratie und fehlende demokratische Legitimierung der EU: Eine Mehrheit lehnt dies ab.
Auch die Globalisierung wird weithin als persönliche Bedrohung erlebt. Die einstige mehrheitliche Zustimmung zur Politik der westlichen Führungsmacht USA ist einer Distanzie-rung gewichen, angesichts der weithin als Unrecht empfundenen Kriegsführung in Ölregionen.
Zugleich verspüren viele den Islam als wachsende Bedrohung und befürchten eine Überfremdung Deutschlands durch weitere Zuwanderung.
Der technische Fortschritt ist rasant, doch kaum jemand erwartet davon eine Verbesserung seiner Lebenssituation. Atomenergie (ein Zehntel der Energieversorgung Deutschlands) wird mehrheitlich als zu gefährlich abgelehnt.
Einen Fixpunkt im Verlust der Gewissheiten bietet ein wachsendes Interesse an der jüngeren deutschen Geschichte: Die noch erhaltenen historischen Bauten werden wieder mit Respekt behandelt. Jahrzehntelange Thementabus verlieren ihre Wirkungskraft und ermöglichen eine differenziertere Betrachtung der zeitgeschichtlichen Geschehnisse und Akteure.
Die Lebenserwartung liegt bei 75 Jahren.