Eine
Information der Mieter und Nutzer zum Verkauf der Museumsmeile Prora an die
Inselbogen GmbH
In
dem mittleren der fünf großen
Gebäudeblöcke der ehemaligen "Kraft durch
Freude"-Ferienanlage aus der NS- Zeit (erbaut 1937 bis 1939) siedelte
sich seit 1994 eine Vielzahl von Kultur- und Jugendeinrichtungen an, in
privater Initiative, unter Mietverträgen mit der
Bundesvermögensverwaltung (BVA) und nahezu ohne öffentliche
Fördermittel. In dieser "Museumsmeile Prora" entstanden rund
80
Arbeitsplätze, und sie ist heute eines der wichtigsten
touristischen Sehenswürdigkeiten der Insel Rügen, mit
jährlich rund 250.000 Besuchern.
Weil der Bund die Prora-Gebäude abstoßen will und
die
Museumsmeile unter einem privaten Vermieter nicht bestehen kann, hat
der Landkreis Rügen die Einrichtungen der Museumsmeile
angeregt,
gemeinsam ein Konzept für den Kauf und die Nutzung des
Museumsblockes zu erarbeiten. Dies geschah: 2002 stellte die
Mietergemeinschaft der Museumsmeile ihr Sanierungs- und Nutzungskonzept für das Gebäude vor und reichte beim Bund ihren
Kaufantrag
ein.
Allerdings hatte sich einer der Mieter, Kurt Meyer, Betreiber des hier
ansässigen Museums "KulturKunststatt Prora", von der
Mietergemeinschaft distanziert und einen eigenen Kaufantrag gestellt,
mit dem Ziel, den Museumsblock in großem Stil mit
Beherbergungen
zu füllen, das heißt de facto das eigene Museum zu
erhalten
und seine Konkurrenten zu beseitigen.
Gegen zahlreiche Einwände "verkaufte" das
BVA
im August 2004 den Museumsblock für 370.000 Euro - aber nicht
an
die Mietergemeinschaft, die sich inzwischen als gemeinnützig
etabliert hatte, sondern an den ausgescherten Konkurrenten Kurt Meyer
und ein mit ihm verbundenes Konsortium von Unternehmern ( Stand Dez.04. KulturKunststatt Prora
Verwaltungs GmbH / ca.44%, Dipl.-Ing.Thomas Siepe / ca.11%, Bauzeichner
Martin Pridik /ca.11 %, HBW
Vermögensmanagement GmbH & Co KG / ca.33%),
sämtlich
in Nordrhein-Westfalen ansässig (Inselbogen GmbH). Die
Mietergemeinschaft kritisiert
den Vergabevorgang als nicht ordnungsgemäß, denn ihr
Kaufantrag war nicht verhandelt worden. Die schriftliche Zusicherung
des Bundeskanzleramtes, den Museumsblock nur im Einvernehmen mit dem
Landkreis Rügen und der Gemeinde Binz zu verkaufen, wurde
gebrochen: Der Landkreis lehnte den Verkauf an das Konsortium Meyer
strikt ab.
Wegen der historischen Bedeutung des Gebäudes bedurfte der
Verkauf
der Zustimmung durch den Haushaltsausschuß des Deutschen
Bundestages. Die Mietergemeinschaft der Museumsmeile wandte sich
deshalb an die Bundestagsabgeordneten und bat darum, den Verkauf an das
Konsortium Meyer abzulehnen.
Im Januar 2005 reiste eine Delegation von sechs Bundestagsabgeordneten
nach Rügen, um sich vor Ort zu informieren. Doch sie taten das
auf
ihre Weise: Einen ganzen Abend lang ließen sie sich im Binzer
Kurhotel von Herrn Meyer sein Beherbergungskonzept erläutern,
kamen am Tag darauf auch nach Prora, hatten dann aber nur je 10 Minuten
für die eilige "Besichtigung" von vier ausgesuchten
Einrichtungen.
Die Bitte, auch das Konzept der Mietergemeinschaft anzuhören,
lehnten sie ab . In mehreren Schreiben legte die Mietergemeinschaft
ihre Argumente dar, warum der Verkauf an das Konsortium Meyer
zur
Zerstörung der Museumsmeile führen würde,
und bat
die Abgeordneten darum, zu diesen Argumenten die Stellungnahme des
Bundesfinanzministeriums einzuholen, bevor sie ihre Entscheidung
fällen. Doch diese Einwendungen blieben unbeachtet: ImFebruar
2005
genehmigte der Haushaltsausschuß des Bundestages den Verkauf
des
Museumsblockes an das Konsortium Meyer.
Wie bei den Entscheidungen dieses Ausschusses üblich, waren
vier
von dessen 44 Bundestagsabgeordneten für die
Entscheidungsvorbereitung verantwortlich, aus jeder Fraktion einer:
Jochen-Konrad Fromme (CDU), Bernhard Brinkmann (SPD), Prof. Dr. Andreas
Pinkwart (FDP) und Frau Anja Hajduk (Bündnis 90 / Die
Grünen).
Die Entscheidung für Herrn Meyer fiel "einstimmig". Die
Süddeutsche Zeitung berichtete allerdings, daß es
bei dieser
Abstimmung "keine Möglichkeit gab, mit Nein zu stimmen,
daß
aber einige Abgeordnete ihre Zweifel zumindest mit einer passiven
Enthaltung bekundeten". Bestanden also Zwänge? Sind die
Abgeordneten nicht allein ihrem Gewissen verantwortlich?
Nach Angabe des Bundestagsabgeordneten Jochen-Konrad Fromme
hat
der Binzer Bürgermeister, Horst Schaumann, dem
Verkauf des
Museumsblockes an das Konsortium Meyer im Januar 2005
zugestimmt.
Bei einer von ihm eingeladenen Besprechung mit Mietern der Museumsmeile
bestritt der Bürgermeister dies - doch er ist nicht bereit,
das
Besprechungsprotokoll mit dieser Aussage freizugeben. Was ist also hier
die Wahrheit?
Das Konzept des Konsortiums Meyer baut auf der Bewilligung von mehr als
20 Milionen Euro Fördermittel auf, mit anderen
Worten:
Für jeden als Kaufpreis bezahlten Euro verlangt er 60 Euro
Steuermittel. Mehrere Mieter haben bei der Landesregierung
Mecklenburg-Vorpommern den Antrag gestellt, diese Fördermittel
nicht zu bewilligen, weil damit langansässige Betriebe und
Arbeitsplätze in Prora vernichtet würden. Warum
erhalten die
Mieter aus der Landeshauptstadt Schwerin keine klaren Aussagen dazu?
Ist der Prora-Skandal etwa ein Miniatur-Modell des Zustandes, in dem
sich Deutschland 60 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur befindet?
Jedenfalls hat das Parlament, obwohl dringend darum gebeten, sich
seiner Grundpflicht entzogen, die Regierung zu kontrollieren. Die
Abgeordneten wurden, ohne die Einwände der Betroffenen, des
Landkreises Rügen und aus den eigenen Reihen zu beachten, als
Erfüllungsgehilfen einer nicht
ordnungsgemäßen und
wortbrüchigen Maßnahme des Bundesfinanzministeriums
tätig. Damit scheint das Schicksal der Museumsmeile Prora und
ihrer Arbeitsplätze besiegelt. ( Stand April 2005)
Der Museumsverband von Mecklenburg-Vorpommern e.V. tagte im Mai 2005 in
Prora. In einem Vortrag informierte Prof. Joachim Wernicke über die aktuelle Situation
seiner kulturellen Einrichtung: das Museum Prora.
Nachtrag Juli 2005:
Noch ist die Inselbogen GmbH nicht in das Grundbuch eingetragen, aber
der Bund erlaubt ihr schon, sich wie ein Eigentümer zu verhalten.
Geschäftsführer Kurt Meyer missbraucht seine Doppelfunktion
als gleichzeitiger Betreiber des Museums "KulturKunststatt Prora", um
dieser Einrichtung Wettbewerbsvorteile zu verschaffen und andere zu
verdrängen. Er hat zwei Mieter im Kunsthaus, die Noah Film GbR und
das Atelier Russo, gekündigt, und er hat seinen Hauptkonkurrenten
"Museum Prora" den Besucherparkplatz gekündigt. Ein
Nutzungskonzept der Inselbogen GmbH liegt bis heute nicht vor. Herr
Meyer erklärte, er sehe 20 % Kultur und 80 % Hotel vor. 20 %
sind allein sein persönliches "All in One - Museum", d.h. er plant
die Beseitigung der Museumsmeile Prora. Gespräche mit der
Mietergemeinschaft lehnt er ab.
Dies alles verstößt gegen den Kaufvertrag und gegen den
Bundestagsbeschluss. Doch der hauptverantwortliche Abgeordnete
Jochen-Konrad Fromme (CDU) teilte der Mietergemeinschaft im Juli 2005
mit, es bestehe kein Handlungsbedarf. Die mitverantwortlichen
Abgeordneten Bernhard Brinkmann (SPD), Prof.Dr. Andreas Pinkwart (FDP)
und Frau Anje Hajduk (Bündnis 90/die Grünen) reagieren nicht
auf Schreiben der durch sie geschädigten Mieter. Der deutsche
Bundestag blickt also weg und lässt Herrn Kurt Meyer freie Hand zu
Vertragsbrüchen.
Nachtrag Februar 2006:
Seit September 2005 ist die Inselbogen GmbH ins Grundbuch eingetragen.
Nach Kündigungen durch die Inselbogen GmbH mussten die ersten Mieter im Oktober 2005 die
Museumsmeile Prora verlassen.
Im Dezember 2005 hatte das Bundesministerium für Finanzen dem
Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages Bericht über den
Sachstand Verkauf von Prora Mitte vorzulegen. Mit den Nutzern der Museumsmeile Prora wurde der Bericht
nicht abgestimmt.
Im Januar 2006 erfolgten weitere Kündigungen durch die Inselbogen GmbH
in der MuseumsmeileProra:
Fristlos wurden das Youth Hostel "One World Camp Prora" und das Museum
"Planet DDR" gekündigt.
Dem Museum Prora wurde mit einer fristlosen Kündigung gedroht.
Gespräche zwischen dem neuen Eigentümer und den Mietern haben
nach fast zwei Jahren Verkauf noch nicht stattgefunden.
Vermittlungsversuche von Politikern kommunaler bis Bundesebene
scheitern am sturen Verhalten des Geschäftsführers der
Inselbogen GmbH, Kurt Meyer.
Nachtrag Mai 2006:
Am 26. März 2006 besuchten Mitglieder des Haushaltsausschusses des DBT
die Inselbogen GmbH in Prora.
Betreiber der restlichen kulturellen Einrichtungen und Mieter wurden nicht
informiert und nicht vor Ort aufgesucht.
Das Ergebnis der Besprechung mit Herrn Meyer ist den betroffenen
Mietern nicht bekannt.
Im Mai erfolgte durch die Inselbogen GmbH die fristlose Kündigung für das Museum Prora. Der Landkreis
Rügen bemühte sich um eine perspektivische Aussage zum
möglichen
Verbleib des Grafikmuseums in Prora. Die Inselbogen GmbH räumte
diese
nicht ein. Daher beschloss der Landkreis Rügen und die Eigentümerin der
Sammlung; Frau Carin Vogel, die Schliessung der Grafikausstellung zum September 2006.
Zeitgleich wurden in der Gemeinde Binz das neue "alte" Konzept für die
Planung der Inselbogen GmbH vorgestellt. Es soll auf den bis jetzt von den
Kultureinrichtungen in der Museumsmeile genutzten Flächen eine Hotelanlage mit ca. 1.000
Betten entstehen.
Die KulturKunststatt Prora, Inhaber Herr Kurt Meyer, wurde nicht durch Hotelbetten überplant.
weitere Informationen: Der Koloss von
Prora auf Rügen - 2.Auflage
Nachtrag Juli 2006:
Seit dem 01.
Juni 2006 wurde Herr Kurt Meyer durch Herrn Dr. Lahne als Geschäftsführer der Inselbogen
GmbH abgelöst.
Die Kündigungen der Museen in Prora führte zu Protesten und
Nachfragen beim Haushaltsausschusses des DBT.
Am 24.07.2006 erfolgte ein
Rundtischgespräch mit Mitgliedern des HA, der BIMA, des
Landkreises Rügen, der Gemeinde Binz, der Inselbogen GmbH, den
Mietern in der Museumsmeile u.a. unter der Leitung von Herrn Brinkmann,
MdB und Herrn Mark, MdB. Der Geschäftsführer der Inselbogen
GmbH lehnte jegliche Verhandlung über ein Bleiberecht der
gekündigten Kultureinrichtungen ab.
Nachtrag Dezember 2006:
Folgende Einrichtungen mussten zum Ende des Jahres 2006 beräumt werden:
Museum zum Anfassen
Wasserwelt
Das Prora-Museum
Museum "Planet DDR"
One World Camp Prora
Grafikausstellung "Der zweite Blick"